Dienstag, 17. Januar 2012

Premiere 'ZWEIMAL LEBENSLÄNGLICH'

Kameradschaft gelingt auch im Gefängnis


"Zweimal lebenslänglich" entwickelt in Altona eigene Zugkraft
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HAMBURG. Film und Theater flirten seit Jahren heftig miteinander und inspirieren sich. Hollywood verfilmt eine Komödie von Yasmina Reza ("Der Gott des Gemetzels"), das Schauspielhaus gibt "Der große Gatsby". Da will auch das Altonaer Theater mithalten und produzierte die Bühnenfassung von "Die Verurteilten" nach Stephen King. Diese basiert zwar auf dessen Short Story "Rita Hayworth and Shawshank Redemption", verwendet jedoch zur Verdichtung und dramatischen Steigerung Elemente aus dem Drehbuch des Kinohits mit Tim Robbins und Morgan Freeman. Der Erzähler Red rollt aus seiner Sicht die Geschichte des unschuldig wegen Mordes zu "Zweimal lebenslänglich" verurteilten jungen Bankers Andy auf, der sich in der Rechtlosigkeit des Gefängnisses durch Grips und Selbstbewusstsein behauptet und sich sein Recht verschafft.
Auf der Bühne entwickelt der humanistische Thriller in Axel Schneiders Inszenierung eine eigene Zugkraft und Spannung - auch dank der beiden Hauptdarsteller. Konstantin Graudus gibt einen schlitzohrigen Red und "Mr. Beschaffer" mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, er hält als Erzähler die Zuschauer an der Kandare. Tommaso Cacciapuotis smarter Andy entwickelt sich clever zum Drahtzieher seines Ausbruchs. Andy setzt den Aufbau einer Bibliothek durch und weiß sich beim Knast-Boss mit illegalen Geldgeschäften unentbehrlich zu machen. Ein gefährliches Spiel, das Argwohn und Neid der Häftlinge provoziert, schlagkräftig und typgerecht verkörpert vom Männer-Ensemble. Harald Weiler gibt dem Bibel-schwingenden Bösewicht Stammas sein Pokerface, in der Opferrolle des jungen Rebellen Tommy gelingt Paul Jumin Hoffmann ein sicheres Hamburg-Debüt.
Ulrike Engelbrecht baute mit Ziegelmauer und Pfeilern einen abgeschlossen wirkenden, doch flexiblen Raum. Lichtführung und Mobiliar ermöglichen einen filmartig raschen Wechsel vom Hof zu Büro, Bibliothek oder Zelle. Dennoch würden die Macht- und Unterwerfungsrituale in der Männergruppe vor allem im ersten Teil noch mehr Härte und Tempo vertragen, um richtig unter die Haut zu gehen.
Die Stückfassung und Schneiders Inszenierung rücken Kings Kritik am Strafvollzug in den Mittelpunkt, bei dem im Namen des Gesetzes Menschenrecht und -würde gebrochen werden. Die Aufführung singt (nicht ganz unsentimental im Schneetreiben) das Lob der Kameradschaft unter Kerlen und nicht zuletzt das der Kraft von Büchern: Sie schenken - darin auch dem Theater und Film ähnlich - in physischer wie psychischer Unfreiheit die Stärke, durch Bildung, Fantasie und Hoffnung zu überleben.
"Zweimal lebenslänglich" bis 19.2., Altonaer Theater, Karten-T. 399 85 870; www.altonaer-theater.de (-itz)


Sonntag, 30. Oktober 2011

Es geht weiter mit FINNLAND in Düsseldorf!

am 3. und 5. Nov. im Forum Freies Theater (FFT) in Düsseldorf. Die Uraufführung 'FINNLAND' ist eine wahre Familiengeschichte, zu der vier Autoren aus vier verschiedenen Ländern Texte verfasst haben. Lothar Kittstein (D), Jens-Martin Eriksen (DK), Ivo Briedis (LV), Andreas Vonder (NL).
Regie: Fank Heuel, Bühne: Annika Ley, Musik: Gregor Schwellenbach, es Spielen: David Fischer, Justine Hauer, Severin von Hoensbroech, Manuel Klein, Bettina Marugg, Andreas Meidinger, Laila Nielsen
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Dienstag, 27. September 2011

General Anzeiger zu FINNLAND, Premiere am 23.09.2011


        Montage und Demontage im Endenicher Ballsaal

Von Ulrike Strauch
Bonn. Das Mädchen Lena steht in einem Berg aus Federn, hält ein Kissen vor den Bauch und ein Mikrofon in der Hand. Lenas Stimme klingt seltsam verzerrt, während sie ihre Beschwörungsformeln spricht: dass Günther, "der Papa", sein Leben lang nur auf sie gewartet hat, dass sie jetzt ganz lieb zu ihm sein muss und nichts verraten darf, um die Mama nicht traurig zu machen.
Szene aus dem Familiendrama  Finnland . Foto: Thilo Beu
Szene aus dem Familiendrama "Finnland". Foto: Thilo Beu
Aber Lena ist nicht lieb. Sie hat Günther umgebracht, als sie 20 war und damit eine Familie auseinandergerissen, die in Wirklichkeit niemals eine war. Die Geschichte dieser Familie erzählen die vier Autoren Andreas Vonder (Niederlande), Lothar Kittstein (Deutschland), Ivo Briedis (Lettland) und Jens-Martin Eriksen (Dänemark) jetzt in "Finnland", der neuen Produktion des Fringe Ensembles/phoenix5 unter Regie von Frank Heuel.
Und jeder erzählt sie auf andere Art; innovativ im Bühnenbild und im Einsatz von Videoprojektionen. Das Ergebnis ist eine faszinierende Montage und Demontage zugleich; der Albtraum einer Familie, erschreckend real hinter der Fassade gutbürgerlicher Sauberkeit.
Verstörend und manchmal auch von absurder Komik - von Justine Hauer, Bettina Marugg und Laila Nielsen, von Manuel Klein, Harald Redmer, David Fischer, Andreas Meidinger und Severin von Hoensbroech mit sicheren Gespür für den richtigen Moment umgesetzt. Kurzum: eines der Stücke, die man nicht so schnell vergisst.
Währenddessen könnte man auf der Zuschauertribüne eine Stecknadel fallen hören. Während Lena sich quält und ihre Bilder im Kopf ungehindert fortfahren. So will es Eriksen, in dessen Passage sich letztlich alles entlädt. Den Anfang macht Vonders Therapiestunde. Kittstein richtet den Focus auf Rolf, den älteren von Günthers beiden Söhnen; mal neun, mal 55 Jahre alt.
Aus dem Jungen, der nachts auf die seltsamen Geräusche aus Lenas Zimmer horchte, ist ein müder Mechaniker geworden. Die Geschichte eines Missbrauchs aus Sicht des jüngeren Stiefbruders zu erzählen und nur anzudeuten, was folglich jeder für sich allein ergänzen kann, ist ebenso ungewöhnlich wie gut gelungen. Briedis wiederum gibt Günther eine Stimme. Es kann keine Gewinner an diesem Abend geben, außer den Zuschauern.
Weitere Vorstellungen 28., 29. und 30. September, 1.Oktober, jeweils 20 Uhr. Karten unter (02 28) 79 79 01
Artikel vom 27.09.2011



Montag, 26. September 2011

FINNLAND


"Unsere größte Produktion seit Jahren"

Von Ulrike Strauch
Bonn. Vier Autoren aus Lettland, Dänemark, den Niederlanden und Deutschland, acht Schauspieler auf der Bühne und ein düsteres Familiengeheimnis, das in zwei Stunden nach und nach preisgegeben wird: So lauten die Zutaten für "Finnland", die neue Produktion des Fringe Ensembles in Zusammenarbeit mit dem Münsteraner Label "phoenix5", die Freitagabend, 20 Uhr, Premiere im Endenicher Theater im Ballsaal feiert und laut Regisseur Frank Heuel "unsere größte Produktion seit Jahren ist".
Traumatisiert: Für die Frauen in  Finnland , der neuen Produktion des Fringe Ensembles, wird die Familie zur Falle.  Foto: Thilo Beu
Traumatisiert: Für die Frauen in "Finnland", der neuen Produktion des Fringe Ensembles, wird die Familie zur Falle. Foto: Thilo Beu
Zwar bezieht er das zunächst einmal auf die Anzahl der Mitwirkenden. Nichtsdestotrotz birgt dieser Stoff einiges Potenzial. Das beginnt schon mit der ungewöhnlichen Art und Weise der Bearbeitung. So vereinbarten die Autoren Ivo Briedis, Jens-Martin Eriksen, Lothar Kittstein und Andreas Vonder, die zuvor schon einmal mit dem Fringe Ensemble zusammengearbeitet hatten, bei ihrem ersten Treffen im Februar ein gemeinsames Regelwerk.
Namen, Orte und Daten bildeten das Gerüst, aufgrund dessen jeder seine Figur entwickelt und "verteidigt" hat. Beim Autorengespräch am Samstag, 24. September, 19.30 Uhr, treffen die vier nun erstmals wieder zusammen.
Erzählt wird die Geschichte von Sabine Helmer, die während des Zweiten Weltkriegs nach Finnland flüchtet und dort Lena zur Welt bringt. Nach Kriegsende kehrt sie mit der Tochter nach Deutschland zurück, heiratet dort Günther und bekommt von ihm zwei Söhne. Er ist auch der Vater von Lenas Kind, nachdem er das Mädchen jahrelang missbraucht hat.
Bis Lena sich eines Tages zur Wehr setzt... Die Geschichte beruht auf Tatsachen, allerdings wurden die Namen geändert, um die Anonymität zu wahren. "Es geht um Missbrauch, aber im Mittelpunkt steht die Familientragödie an sich mit allen Konsequenzen", fasst Frank Heuel zusammen.
Karten und weitere Termine unter (02 28) 79 79 01.
Artikel vom 23.09.2011