Mittwoch, 16. Januar 2013

Zucker (kein musical) Fringe Ensemble



Sklaven der süßen Verführung

Das fringe ensemble eröffnet die neue Spielzeit des Theaters im Ballsaal mit einer ganz besonderen Hommage. Ihre aktuelle Uraufführung widmet sich dem süßen Molekül, welches bereits vor einer Woche Spiegel-Titelthema war. Zucker ist im Leben jedes Einzelnen allgegenwärtig. Das Agrarprodukt versüßt unseren Alltag, ohne dass man sich in Gedanken über dieses ergeht. Eher wird der Rohrstoff mit Kalorien und Karies assoziiert, als das man über seine Entstehungsgeschichte und Herstellungswege sinniert. Dies soll nun anders werden, dachte sich der Komponist Gregor Schwellenbach. Er inszenierte mit dem fringe ensemble einen hintergründigen und unterhaltsamen Abend rund um das süße Kristall.
Die vielleicht älteste Droge
Eingeleitet wird die dynamische Inszenierung durch ein ausgedehntes Vorspiel minimalistischer Musik. Verschiedene Heimorgeln ertönen im stimmungsvollen Wechsel. Auch andere ungewöhnliche Instrumente, sowie in unterschiedlichen Farben gestaltete Quadrate und ein Vorhang mit weißen Flocken bestimmen das beachtenswerte Bühnenbild Annika Leys. Über den fünf Heimorgeln angebrachte Spiegel glitzern bisweilen wie durchsichtig reflektierender Zucker. Das Vorspiel macht gespannt und stimmt auf den ungewöhnlichen Abend ein. Ein beeindruckend temporeicher Vortrag sehr heterogener Texte, die der geneigte Zuhörer oft nur auszugsweise aufnimmt, schließt daran an. Debattiert wird über Glucose, Zucker aus Runkelrüben und über Enzyme, die Zucker zerspalten. Aufgelockert wird die Textdichte schon nach kurzem durch einfallsreiche Gesangseinlagen. Wenn Manuel Klein sich an der Gitarre begleitend zu „Sklaven der Verführung“ anstimmt, ist das schon sehr exquisit, eingängig und elektrisierend. Da kann man verstehen, warum das Kristall so begehrt ist. Manuel Klein erhält für den verlockenden Vortrag Szenenapplaus.
Gefroren, geschäkt, gekopft
Nun bewegt sich das Stück jedoch in andere Gefilde. Die Expertise von Fachleuten kommt monologisch und dialogisch zu Wort. Themen werden miteinander verwoben. Wissenschaftler und Autoren wie Rudolf Steiner werden zitiert. Das Sklavenschiff von Heinrich Heine wird mit wechselnden Stimmen melodisch vorgetragen. Gesangliche Verzierungen der Figuren lenken vom komplexen Inhalt ab, der Folter und Ermordungen auf Transportschiffen mit zynischer Brutalität beschreibt. In einem späteren Chatdialog tauscht sich Andrea (Justine Hauer), die dringend Zucker in großen Mengen braucht, mit dem ‘Sugar King’ (Andreas Meidinger) und anderen Beteiligten über Import und Export aus. Geldgebende Instanzen werden als willfährig vorgeführt. Besonders berührend ist auch ein kurzer und einfacher Monolog Bettina Maruggs über die brutale Ausbeutung auf Zuckerplantagen in Drittweltländern. Er sticht aus den vielen sprachlich und inhaltlich komplexen Texten durch seine Klarheit hervor. Wenn sich die vier Darsteller regelmäßig auf und hinter der Bühne umziehen und dabei stets weiter vortragen, fragt man sich, ob dadurch die Austauschbarkeit der Formen des Zuckers und seiner Zuwegebringer bildlich hervorgehoben werden soll.
Überall ist heute Zucker drin
An vielen Stellen wird das Stück sozialkritisch. Es ist von Lohndumping, Kinderarbeit und der Euro-Krise die Rede. Die gut aufgelegten Darsteller werfen sich gegenseitig die Bälle zu. Elegant aufeinander abgestimmte Choreographien und bemerkenswertes gesangliches und musikalisches Können runden den anregenden Abend ab. Dass viele der theatralen Einlagen improvisiert wirken, mag vielleicht auch daran liegen, dass das Ensemble schon lange zusammen selbstgeschriebene Stücke auf die Beine stellt. Die erfrischende Atmosphäre schafft einen stimmungsvollen Rahmen für viele kleine Geschichten um das „weiße Gold“. Zucker erscheint nach dem Theaterbesuch in einem ganz neuen Licht. Guten Gewissens verrühre ich den Fairtrade-Bio-Rohrzucker in meinem schwarzen Kaffee. Karies war im Stück noch kein Thema.
Ansgar Skoda, campus-web.de, 16.09.2012

Wir sind Sklaven der Verführung

Wie aktuell das Sujet ist, beweist das Magazin “Der Spiegel”, das kürzlich der “Droge Zucker” eine Titelgeschichte widmete. Wer eine Ernährungsberatung sucht, liegt bei “Zucker”, der neuen Produktion des Fringe Ensembles im Theater im Ballsaal, freilich ebenso falsch wie jemand, der musikalischen Süßstoff erwartet. “Kein Musical” hat der regelmäßig für das Fringe Ensemble arbeitende Komponist und Musiker Gregor Schwellenbach seine Revue genannt. Bei der Regie hat Frank Heuel letzte Hand angelegt.
Es beginnt leise mit eher minimalistischen Klängen, bis Bettina Marugg endlich ihre Stimme erhebt und saccharinselig eine Arie singt auf das süße Produkt aus Rohr und Rüben. Dass man aus diesen Feldfrüchten Zucker gewinnen kann, gehört zu den weltbewegenden Entdeckungen des 18. Jahrhunderts. Andreas Meidinger macht aus den historischen Rüben-Experimenten – “gefroren, geschält, geköpft” – ein mordslustiges Spiel mit süßsaurem Beigeschmack. Manuel Klein zelebriert mit Rokoko-Rüschenmanschetten (Bühne und witzige Kostüme: Annika Ley) Daten und Fakten in aberwitzigem Kontrast zum musikalischen Sirup. Über die Sache mit den Enzymen erfährt man eine Menge, selbst die chemische Formel für Glukose klingt gut, wenn sie auf fünf Heimorgeln intoniert wird. Verführerisch bedingt Justine Hauer die Wirkungen des Genussmittels. Zu einem dramatischen Ereignis wird Heinrich Heines böse Ballade vom Sklavenschiff. Tollkühn ist ide Ode an die “wundervolle Runkelrübe”, die der Sklaverei in den Zuckerrohr-Plantagen ein Ende macht und Frieden schafft. Über heutige Formen der Ausbeutung bei der Zuckerherstellung berichtet ein Text aus Brasilien, dem weltgrößten Zuckerproduzenten. Zucker für den Einzelhandel proklamiert der Marketingfachmann “Sven Knorr aus Tuschnitz”. Als “Motor des Lebens” wird das Energie spendende Zeug beworben, was alle vier gelegentlich wie überzuckert zappeln lässt.
Immerhin gehören Rohr- und Rübenzucker zu den nachwachsenden Rohstoffen. Zucker füllt die Kassen, macht dick und glücklich. “Überall ist heute Zucker drin”, warnt das mitz diversen Instrumenten bewaffnete Quartett. Wir haben´s zwar geahnt, werden aber wohl “Sklaven der Verführung” bleiben. Schließlich haben wir´s schon mit der süßen Muttermilch gelernt.
Auf der Bühne wird´s nicht zum versalzenden Lehrstück, sondern bleibt eine etwas zähe Nummernrevue, deren Würze vor allem im komischen Widerspruch zwischen den Texten, der Musik und den theatralen Aktionen liegt. Man kann sich das wie Dextropur auf der Zunge zergehen lassen, signalisierte nach gut 80 Minuten der animierte Beifall bei der Premiere im ausverkauften Ballsaal.
Elisabeth Einecke-Klövekorn, General-Anzeiger Bonn, 17.09.2012

Dienstag, 17. Januar 2012

Premiere 'ZWEIMAL LEBENSLÄNGLICH'

Zweimal Lebenslänglich

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Geschrieben von: Claus Friede   
Montag, den 16. Januar 2012 um 11:14 Uhr
altonaer theater - zweimal lebenslaenglich

alt„Denk dran: Hoffnung ist eine gute Sache!" Dieser Satz zieht sich als roter Faden durch das Stück von Owen O'Neill und Dave Johns nach der Novelle „Pin-up (orig. Rita Hayworth and Shawshank Redemption)“ von Stephen King.
Regisseur Axel Schneider inszeniert als deutsche Erstaufführung im Altonaer Theater die rein männerlastige Knastgeschichte des jungen Bankers Andy Dufresne, der trotz seiner Unschuldsbeteuerungen wegen zweifachen Mordes an Gattin und deren Liebhaber verurteilt wird.

Und wie bei so vielen Theateraufführungen gibt es nicht nur ein schriftliches Vorbild, sondern auch ein filmisches: „Die Verurteilten“ (The Shawshank Redemption), aus dem Jahr 1994 mit Tim Robbins (Andy Dufresne) und Morgan Freeman (Ellis Boyd 'Red' Redding). Aber vergessen wir einmal den Film!

Es ist recht farblos auf den Bühne, denn im Shawshank Gefängnis im US-Bundesstaat Maine herrscht harte Gefängnisroutine und der Alltag ist grau und das Ambiente roh. Jeder weiß aus Literatur, Dokumentation und Film, der amerikanische Knast hat eigene Gesetze. Zwei Millionen Straftäter sitzen zur Zeit in den USA ein, Tendenz steigend, das sind ein Viertel der Häftlinge weltweit. Eine erschreckende Zahl und nur wenige werden resozialisiert. Wie soll man auch in einem Knast wie Shawshank resozialisiert werden oder überhaupt erst einmal sozialisiert. Unmöglich! Wenn vom Schließer über den Wärter bis zum Direktor alle korrupt und teilweise sadistische Verbrecher und sogar Mörder sind. Und das wissen die Häftlinge nach kürzester Zeit. Es ist ein Ort für Unglückliche und die sind gefährlich, egal auf welcher Seite der Zelle sie sich befinden. Was soll man da mit dem Begriff Hoffnung anfangen? Der ist wie eine Krankheit, die keiner mehr loswerden kann. Die Hoffnung macht hier hoffnungslos krank und zerbricht schließlich jeden. Überlebenskampf ist die einzige Chance, das Starke gewinnt, Machtsicherung und -erhalt. Was aber passiert mit jemandem, der Ideale hat und der beharrlich seine Freiheit auch im Gefängnis sucht? Die menschliche Psyche ist erstaunlich, denn sie ist stark und schwach zugleich, oder zumindest wechselt sie ihre Zustände innerhalb kurzer Augenblicke.

Andy Dufresne (Tommaso Cacciapuoti) ist ein komischer Kautz, seltsam still, eigenbrötlerisch und intelligent. Er, der bis zum Schluss von seiner Unschuld spricht, sieht immer das Licht am Ende des Tunnels, egal in welche Situation er auch gedrängt wird. Doch so einer ist im Knast verloren. Von wegen, irgendwie arrangiert sich der Typ, auch wenn er noch so gequält wird. Er arbeitet mit seinem Finanzwissen für die Wärter und macht deren Steuererklärungen und hilft Direktor Stammas (Harald Weiler) seine Veruntreuungsgelder beiseite zu schaffen. Es entstehen Abhängigkeiten. Alles geht seinen vermeintlichen Gang bis ein neuer Knacki, Tommy (Paul Jumin Hoffmann) kommt und Andy erzählt, wer der wirkliche Mörder seiner Frau und deren Geliebten war. Der Geruch von Freiheit verändert den Menschen und verständlicher Weise träumt sich Andy jetzt erst recht raus. Aber Direktor Stammas weiß das zu verhindern und schreckt selbst vor dem Mordbefehl an dem Mithäftling und Zeugen Tommy nicht zurück. „Nachtruhe“ ist das Codewort für die Wärter. Hoffnungslosigkeit? Selbst jetzt bleibt Andy er selbst, denn er hat ein riesiges Poster von Rita Hayworth an seiner Zellenwand hängen: Hinter Rita verbirgt sich die Freiheit und das Loch in der Mauer, an dem er zwanzig Jahre lang gearbeitet hat.

Die Charaktere im Knast sind so unterschiedlich wie draußen und das zeigt das Bühnenstück meist mit Feingefühl. 'Red' (Konstantin Graudus), ist der, der die ganze Geschichte erzählt und spielt und erzählt und spielt. Und das macht Graudus in der Altonaer Inszenierung sehr überzeugend und stellenweise regelrecht mitreißend. Er spielt den abgebrühten Knastbruder, der scheinbar alles organisieren kann. Er hat einen weichen Kern, er ist es, der Zugang zu Andy findet und am Ende belohnt wird. Red wird Andys bester Freund. Ihm erzählt der Banker von seinem Traum von einer mexikanischen Pazifikstadt namens Zihuatanejo, die 'Vergessen' bedeutet, und er erzählt von dem gesparten Geld, das außerhalb der Gefängnismauern auf ihn wartet.

Brooksie Hatlen, gespielt von Hans-Jörg Fey, ist ein alter, harmlos wirkender, schmächtiger Mann, der die kleine mobile Gefängnisbibliothek unter seinen Fittichen hat und letztlich im Knast besser klar kommt als außerhalb. Bogs Diamond (Ole Schlosshauer) ist der brutale, widerliche Schwule, der nur seine Triebe kennt und mit seinen 'Schwestern' sich die Neuen gefügig macht und dann ist da noch Chester McIntyre (Matthias Pantel), ein frömmelnder Riese – immer gut beim Basketball – der das Klischee der Bigotterie dadurch aufhebt, dass er hinterfragt: „Wie kann es sein, dass es in der Bibel gleich zu Beginn heißt „es werde Licht“ und Gott schuf dann erst am 4. Tag die Sonne, den Mond und die Sterne? Hatte er drei Tage lang kein Licht?"
Bildung trifft Naivität, Großstädter trifft Landei, gebildeter Banker trifft Tagelöhner. Alle vereinen sich allerdings in einem zugleich – sie sind Täter und Opfer.

Die Geschichte hat eigentlich alles was ein gutes Stück braucht, Psychogramme der menschlichen Seelen, erschreckende Realitäten und Fiktion, Humor, Situationskomik und unwiderrufliche Ernsthaftigkeit. Man fragt sich als Theatergänger allerdings, warum gerade jetzt dieses Stück? Welche zeitlichen Bezüge braucht es?
Es mag der Premiere geschuldet sein, dass im ersten Teil alles nur etwas schleppend in die Gänge kommt, es gibt Längen und unnötige Entschleunigungen, aber das wird sich wohl mit der Zeit geben. Der Beginn könnte durchaus auch noch ein paar Härten und definierte und handfeste schauspielerische Statements vertragen. Erst nach der Pause fügen sich Geschwindigkeit und Präsenz in einen natürlichen Rhythmus und man folgt dem Stück und nicht den Schwächen.


"Zweimal lebenslänglich"
Regie: Axel Schneider; Ausstattung: Ulrike Engelbrecht
Mit: Tommaso Cacciapuoti • Norbert Eichstädt • Hans-Jörg Frey • Andreas Furcht • Konstantin Graudus • Paul J. Hoffmann • Manuel Klein • Matthias Pantel • Ole Schloßhauer • Oliver Erwin Schönfeld • Harald Weiler
Vorstellungen bis 19. Februar 2012

Altonaer Theater
Museumstraße 17
22765 Hamburg
Karten: 16 bis 30 Euro, ermäßigt 10 bis 17 Euro. Kartentelefon: (040) 3990 5870 Fax: (040) 3910 9985
Fotonachweis: Alle © Joachim Hiltmann, Ausnahme: Galerie, Portrait von Tomaso Cacciapuoti, © Markus Steffen

Premiere 'ZWEIMAL LEBENSLÄNGLICH'

Kameradschaft gelingt auch im Gefängnis


"Zweimal lebenslänglich" entwickelt in Altona eigene Zugkraft
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HAMBURG. Film und Theater flirten seit Jahren heftig miteinander und inspirieren sich. Hollywood verfilmt eine Komödie von Yasmina Reza ("Der Gott des Gemetzels"), das Schauspielhaus gibt "Der große Gatsby". Da will auch das Altonaer Theater mithalten und produzierte die Bühnenfassung von "Die Verurteilten" nach Stephen King. Diese basiert zwar auf dessen Short Story "Rita Hayworth and Shawshank Redemption", verwendet jedoch zur Verdichtung und dramatischen Steigerung Elemente aus dem Drehbuch des Kinohits mit Tim Robbins und Morgan Freeman. Der Erzähler Red rollt aus seiner Sicht die Geschichte des unschuldig wegen Mordes zu "Zweimal lebenslänglich" verurteilten jungen Bankers Andy auf, der sich in der Rechtlosigkeit des Gefängnisses durch Grips und Selbstbewusstsein behauptet und sich sein Recht verschafft.
Auf der Bühne entwickelt der humanistische Thriller in Axel Schneiders Inszenierung eine eigene Zugkraft und Spannung - auch dank der beiden Hauptdarsteller. Konstantin Graudus gibt einen schlitzohrigen Red und "Mr. Beschaffer" mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, er hält als Erzähler die Zuschauer an der Kandare. Tommaso Cacciapuotis smarter Andy entwickelt sich clever zum Drahtzieher seines Ausbruchs. Andy setzt den Aufbau einer Bibliothek durch und weiß sich beim Knast-Boss mit illegalen Geldgeschäften unentbehrlich zu machen. Ein gefährliches Spiel, das Argwohn und Neid der Häftlinge provoziert, schlagkräftig und typgerecht verkörpert vom Männer-Ensemble. Harald Weiler gibt dem Bibel-schwingenden Bösewicht Stammas sein Pokerface, in der Opferrolle des jungen Rebellen Tommy gelingt Paul Jumin Hoffmann ein sicheres Hamburg-Debüt.
Ulrike Engelbrecht baute mit Ziegelmauer und Pfeilern einen abgeschlossen wirkenden, doch flexiblen Raum. Lichtführung und Mobiliar ermöglichen einen filmartig raschen Wechsel vom Hof zu Büro, Bibliothek oder Zelle. Dennoch würden die Macht- und Unterwerfungsrituale in der Männergruppe vor allem im ersten Teil noch mehr Härte und Tempo vertragen, um richtig unter die Haut zu gehen.
Die Stückfassung und Schneiders Inszenierung rücken Kings Kritik am Strafvollzug in den Mittelpunkt, bei dem im Namen des Gesetzes Menschenrecht und -würde gebrochen werden. Die Aufführung singt (nicht ganz unsentimental im Schneetreiben) das Lob der Kameradschaft unter Kerlen und nicht zuletzt das der Kraft von Büchern: Sie schenken - darin auch dem Theater und Film ähnlich - in physischer wie psychischer Unfreiheit die Stärke, durch Bildung, Fantasie und Hoffnung zu überleben.
"Zweimal lebenslänglich" bis 19.2., Altonaer Theater, Karten-T. 399 85 870; www.altonaer-theater.de (-itz)


Sonntag, 30. Oktober 2011

Es geht weiter mit FINNLAND in Düsseldorf!

am 3. und 5. Nov. im Forum Freies Theater (FFT) in Düsseldorf. Die Uraufführung 'FINNLAND' ist eine wahre Familiengeschichte, zu der vier Autoren aus vier verschiedenen Ländern Texte verfasst haben. Lothar Kittstein (D), Jens-Martin Eriksen (DK), Ivo Briedis (LV), Andreas Vonder (NL).
Regie: Fank Heuel, Bühne: Annika Ley, Musik: Gregor Schwellenbach, es Spielen: David Fischer, Justine Hauer, Severin von Hoensbroech, Manuel Klein, Bettina Marugg, Andreas Meidinger, Laila Nielsen
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Dienstag, 27. September 2011

General Anzeiger zu FINNLAND, Premiere am 23.09.2011


        Montage und Demontage im Endenicher Ballsaal

Von Ulrike Strauch
Bonn. Das Mädchen Lena steht in einem Berg aus Federn, hält ein Kissen vor den Bauch und ein Mikrofon in der Hand. Lenas Stimme klingt seltsam verzerrt, während sie ihre Beschwörungsformeln spricht: dass Günther, "der Papa", sein Leben lang nur auf sie gewartet hat, dass sie jetzt ganz lieb zu ihm sein muss und nichts verraten darf, um die Mama nicht traurig zu machen.
Szene aus dem Familiendrama  Finnland . Foto: Thilo Beu
Szene aus dem Familiendrama "Finnland". Foto: Thilo Beu
Aber Lena ist nicht lieb. Sie hat Günther umgebracht, als sie 20 war und damit eine Familie auseinandergerissen, die in Wirklichkeit niemals eine war. Die Geschichte dieser Familie erzählen die vier Autoren Andreas Vonder (Niederlande), Lothar Kittstein (Deutschland), Ivo Briedis (Lettland) und Jens-Martin Eriksen (Dänemark) jetzt in "Finnland", der neuen Produktion des Fringe Ensembles/phoenix5 unter Regie von Frank Heuel.
Und jeder erzählt sie auf andere Art; innovativ im Bühnenbild und im Einsatz von Videoprojektionen. Das Ergebnis ist eine faszinierende Montage und Demontage zugleich; der Albtraum einer Familie, erschreckend real hinter der Fassade gutbürgerlicher Sauberkeit.
Verstörend und manchmal auch von absurder Komik - von Justine Hauer, Bettina Marugg und Laila Nielsen, von Manuel Klein, Harald Redmer, David Fischer, Andreas Meidinger und Severin von Hoensbroech mit sicheren Gespür für den richtigen Moment umgesetzt. Kurzum: eines der Stücke, die man nicht so schnell vergisst.
Währenddessen könnte man auf der Zuschauertribüne eine Stecknadel fallen hören. Während Lena sich quält und ihre Bilder im Kopf ungehindert fortfahren. So will es Eriksen, in dessen Passage sich letztlich alles entlädt. Den Anfang macht Vonders Therapiestunde. Kittstein richtet den Focus auf Rolf, den älteren von Günthers beiden Söhnen; mal neun, mal 55 Jahre alt.
Aus dem Jungen, der nachts auf die seltsamen Geräusche aus Lenas Zimmer horchte, ist ein müder Mechaniker geworden. Die Geschichte eines Missbrauchs aus Sicht des jüngeren Stiefbruders zu erzählen und nur anzudeuten, was folglich jeder für sich allein ergänzen kann, ist ebenso ungewöhnlich wie gut gelungen. Briedis wiederum gibt Günther eine Stimme. Es kann keine Gewinner an diesem Abend geben, außer den Zuschauern.
Weitere Vorstellungen 28., 29. und 30. September, 1.Oktober, jeweils 20 Uhr. Karten unter (02 28) 79 79 01
Artikel vom 27.09.2011



Montag, 26. September 2011

FINNLAND


"Unsere größte Produktion seit Jahren"

Von Ulrike Strauch
Bonn. Vier Autoren aus Lettland, Dänemark, den Niederlanden und Deutschland, acht Schauspieler auf der Bühne und ein düsteres Familiengeheimnis, das in zwei Stunden nach und nach preisgegeben wird: So lauten die Zutaten für "Finnland", die neue Produktion des Fringe Ensembles in Zusammenarbeit mit dem Münsteraner Label "phoenix5", die Freitagabend, 20 Uhr, Premiere im Endenicher Theater im Ballsaal feiert und laut Regisseur Frank Heuel "unsere größte Produktion seit Jahren ist".
Traumatisiert: Für die Frauen in  Finnland , der neuen Produktion des Fringe Ensembles, wird die Familie zur Falle.  Foto: Thilo Beu
Traumatisiert: Für die Frauen in "Finnland", der neuen Produktion des Fringe Ensembles, wird die Familie zur Falle. Foto: Thilo Beu
Zwar bezieht er das zunächst einmal auf die Anzahl der Mitwirkenden. Nichtsdestotrotz birgt dieser Stoff einiges Potenzial. Das beginnt schon mit der ungewöhnlichen Art und Weise der Bearbeitung. So vereinbarten die Autoren Ivo Briedis, Jens-Martin Eriksen, Lothar Kittstein und Andreas Vonder, die zuvor schon einmal mit dem Fringe Ensemble zusammengearbeitet hatten, bei ihrem ersten Treffen im Februar ein gemeinsames Regelwerk.
Namen, Orte und Daten bildeten das Gerüst, aufgrund dessen jeder seine Figur entwickelt und "verteidigt" hat. Beim Autorengespräch am Samstag, 24. September, 19.30 Uhr, treffen die vier nun erstmals wieder zusammen.
Erzählt wird die Geschichte von Sabine Helmer, die während des Zweiten Weltkriegs nach Finnland flüchtet und dort Lena zur Welt bringt. Nach Kriegsende kehrt sie mit der Tochter nach Deutschland zurück, heiratet dort Günther und bekommt von ihm zwei Söhne. Er ist auch der Vater von Lenas Kind, nachdem er das Mädchen jahrelang missbraucht hat.
Bis Lena sich eines Tages zur Wehr setzt... Die Geschichte beruht auf Tatsachen, allerdings wurden die Namen geändert, um die Anonymität zu wahren. "Es geht um Missbrauch, aber im Mittelpunkt steht die Familientragödie an sich mit allen Konsequenzen", fasst Frank Heuel zusammen.
Karten und weitere Termine unter (02 28) 79 79 01.
Artikel vom 23.09.2011